Ronald Kodritsch & Karl Karner

 

Gesteuerter Zufall und ironische Geste

Neue Arbeiten von Karl Karner und Ronald Kodritsch im Dialog

ein Text von Günther Oberhollenzer

zur Ausstellung „OFFF“ im KS ROOM, Meierhof / bei Schloss Kornberg

 

Ein befruchtender Austausch: rohe, archaisch wirkende Skulpturen von Karl Karner treffen auf wundersam verspielte Malereien von Ronald Kodritsch. Karner setzt sich mit Körper und Volumen, mit Materialität und ihren spezifischen Eigenschaften auseinander, Kodritsch experimentiert lustvoll und ironisch mit den malerischen Möglichkeiten von Abstraktion und Figuration, von Fläche und Form. Der geplante Zufall, das Sich-treiben-lassen, eine unakademische Formensprache oder auch die Spontanität und Freude, Neues auszuprobieren… – es gibt vieles, das die beiden Künstler verbindet.

 

Karl Karner

„Kunst ist eine Lebensform, für die man sich entscheidet. Sie provoziert, weil sie immer eine andere Form einnehmen kann“, sagt Karl Karner.[1] Der Bildhauer erschafft Bronze- und Aluminiumskulpturen von rätselhafter wie düsterer Schönheit. Karner setzt sich in seiner künstlerischen Arbeit – die neben Skulpturen auch aufwändige installative Arbeiten und Performances umfasst – intensiv mit Körperwahrnehmung und Körperlichkeit, mit Material und seiner Beziehung zum Raum auseinander. In den Performances (zusammen mit Linda Samaraweerova) lässt Karner den Menschen und die ihm zur Verfügung stehenden Utensilien zu formbaren Körpern werden, in den Skulpturen erkundet er die Materialität von Bronze und Aluminum, experimentiert mit ihren physikalischen  Eigenschaften und erschafft surreal expressive Objekte.

Zweimal spielt der Zufall eine wesentliche Rolle: In einem Akt des gesteuerten Zufalls lässt der Künstler heißes Wachs ins Wasser rinnen und langsam erkalten. Ein Moment wird zur Ruhe gebracht, bizarre, filigrane Formen entstehen, geballte Klumpen, besonders aber auch feingliederige, netzartige Strukturen. Diese werden in der Folge zu größeren Gebilden zusammengefügt und durch kleine Kugeln, Stäben und ähnlichen Utensilien ergänzt oder verdichtet. Ungegenständliches wird mit Gegenständen, prozessual Naturhaftes mit Alltagsobjekten und -formen im Sinne einer Assemblage spannungsreich kombiniert. Beim Gießprozess kommt es zu einem zweiten zufälligen Moment. Gussfehler werden bewusst nicht entfernt, sondern zu einem Teil der Skulptur gemacht – ja sie verstärken den so vielschichtigen Charakter dieser schaurig schönen Arbeiten. Dem Künstler ist das Prozesshafte wichtig, er hat ein feines Gespür für Form und Komposition, für Verdichtung und Freiraum, für Figuration und Abstraktion. Karner spielt gekonnt mit dem harten Material und der zart wirkenden Form, mit Leichtigkeit und Schwere. Es ist aber auch ein Spiel zwischen wild organischer und streng geometrischer Form. Schwarze und weiße Podeste, Platten oder auch Tische sind wichtige Bestandteile der Kunstwerke. Neben der rohen Bronze- und Aluminumfarbe sind einige der neuen Skulpturen teilweise oder vollständig bemalt. Auffallend eine blaue Arbeit, die unweigerlich an Yves Klein denken lässt.

Die skulpturalen Gebilde erscheinen wie sich auflösende oder auch neu entstehende, amorphe Körper – sie wirken dabei wie eine dreidimensionale gestische Malerei, wie wild dahin geworfene Farbspritzer. Die wuchernden Gewächse scheinen sich zu verselbstständigenden und lassen zahlreiche Assoziationen zu. Den Autor dieser Zeilen lassen sie etwa an Korallenriffe, an phantastische Landschaften oder auch an dämonische Wesen denken. Das alles setzt große Könnerschaft voraus, denn gerade Bronze oder auch Aluminium widersetzen sich eigentlich aufgrund der Härte des Materials einer so unmittelbaren, spontan wirkenden Expression.

Ronald Kodritsch

Ronald Kodritsch ist in seiner Malerei ein Sammler, ein Sammler von Alltäglichem, Skurrilem, Aberwitzigen. Kodritsch – der auch als Zeichner, Skulpteur und Videokünstler arbeitet – kennt die Kunstgeschichte und ihre Traditionen und lotet die Möglichkeiten der Malerei in der heutigen Zeit aus. Der Künstler erschafft schelmisch heitere, manchmal melancholisch sarkastische Bildwelten, getrieben von Neugierde und Ungeduld, von der Lust am Malen und am künstlerischen Experiment jenseits der Konventionen. Dabei lässt er bewusst die Grenzen zwischen der sogenannten Hochkultur und der Populärkultur verschwimmen. Alles ist für Kodritsch bildwürdig: Das Hirschgeweih, das aus dem Hintern einer Frau wächst ebenso wie das Billa Sackerl, getragen von einem fluoreszierenden Skelett. Popkulturelle Zitate mischen sich mit Kitsch und kunstgeschichtlichen Referenzen. Der Künstler malt sich „Selbst als Büste“ mit grünen Kopf und wurstartigen violetten Brüsten als Kopfbedeckung, er erfindet sonderbare Wesen, gespensterhaft unter weißen Tüchern verborgen, er schreibt „MY GIRL IS MY HOME“ auf den Rücken einer Frau und lässt diese eine pilzartige Kopfbedeckung oder auch Hausdach tragen, aus dessen Schornstein Rauch aufsteigt. Skurril, surreal und rätselhaft.

Viele Motive wiederholen sich, das Skelett, die Büste, der Pilzkopf werden mehrmals  malerisch bearbeitet. Banales wir bedeutsam gemacht, Bekanntes verfremdet, Liebliches oder Idyllisches gebrochen. Manche Bildelemente erinnern an die Comic- und Jugendkultur (die Verwendung von Schrift und Sprechblasen, die explizit sexuellen Anspielungen) andere spielen ungeniert mit der Kunsttradition (die gemalten Büsten konterkarieren deren althergebrachte Aufgabe der Huldigung und Repräsentation). Das Werk ist dabei immer wieder auch autobiografisch, persönlich Erlebtes findet ebenso Eingang wie bitterböse Stellungnahmen zum aktuellen Geschehen in unserer Gesellschaft (man denke nur an das Billa Sackerl). Vieles ist ironisch zu verstehen und hat auch einen herrlichen Humor, doch Kodritschs Kunst auf Witz und Ironie zu reduzieren wäre ein großer Fehler.

Er sei kein Witzezeichner, sagte der Künstler einmal, seltsam und eigenartig würde eher das treffen, was er mache. Aber vor allem ist Kodritsch auch ein überzeugter Maler. Er malt intuitiv und spontan, pflegt einen bewusst unakademischen Zugang und hat keine Scheu, auch kindisch und naiv zu wirken. Für Kodritsch birgt das menschliche Antlitz, das Alltagsobjekt, die gegenständliche Form eine dankbare Oberfläche, anhand derer er ein variationsreiches Spiel an malerischen Optionen durchexerzieren kann: das reicht von Verzerrungen und Deformationen figurativer Elemente über eine expressive, unmittelbar abstrakte Geste bis zu ruhigen, fast monochromen malerischen Farbfeldern. Immer wieder entstehen in den Gesichtern und Körpern Formen, die sich verselbständigen, vieles geschieht spontan auf der Leinwand, Vorskizzen gibt es keine. „Das meiste“, so Kodritsch im Gespräch mit mir, „entsteht aus der abstrakten Malerei, aus ihr entsteht eine Figur, ein gegenständliche Form.“ Komposition, Kolorit und Farbauftrag erzählen dabei ihre ganz eigenständige Geschichte.

Vielleicht sollte man das alles aber nicht zu ernst nehmen. Der Künstler ist schwer zu fassen und entzieht sich (zum Glück!) eindeutigen Zuschreibungen und Interpretationen. Wer ist Ronald Kodritsch? Ich möchte den Künstler selbst antworten lassen: „Ein Maler, der sich beklagt, dass es in der bildenden Kunst keine Groupies gibt.“[2]

Gemeinsame Arbeiten

Ronald Kodritsch experimentiert, macht ständig etwas Neues, damit er sich nicht langweilt – wie nun die neuen Skulpturen, die er gemeinsam mit Karl Karner modelliert hat. Karner hat sie patiniert, Kodritsch noch mit Farbe bearbeitet. Eine Grundidee war vorhanden, doch vieles geschah während des skulpturalen und malerischen Prozesses. Die Arbeiten vereinen die Sprache beider Künstler, das Abstrakte und Gegenständliche, das Spontane und doch Geplante, das Ironische und das Lustvolle, das Experimentieren mit Materialität und Form.

[1] Karl Karner zit. nach: Kunst muss nicht wahrhaftiger sein als alles andere. Ein online-Kommunikation zwischen Grete Müller, Christian Eisenberger, Karin Frank und Karl Karner, in: Eisenberger Frank Karner, Katalog der Galerie 422 Margund Lössl, Gmunden, 2014, S. 3-7, hier S. 4.

[2] Ronald Kodritsch, zit. nach: Ungeduld und Punk. Ronald Kodritsch im Gespräch über sein Künstler-Ego und die Weltrevolution. Einem Interview mit Michaela Knapp, gefunden auf www.kodritsch.com.

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